Andreas Brandhorst: Das Erwachen, Thriller

Wir schreiben das Jahr 2031. „Bits und Bytes reisten durchs globale Netz, Billionen von ihnen, pro Sekunde zehn Millionen E-Mails weltweit, zwölf Millionen Nachrichten der verschiedenen Messenger-Dienste, eine Million Suchanfragen bei Google, fünfzig Stunden Videomaterial bei YouTube, fünfzigtausend Freundschafts- und Follower-Anfragen bei Facebook und anderen sozialen Medien. Außerdem Fernsehen, Radio, Telefonate und die gewaltige Telemetrie-Datenmenge der zahllosen Mikroprozessoren, die in praktisch allen Dingen steckten und ständig maßen, wer was wie und warum benutzte, hundert Exabyte – hundert Trillionen Byte – pro Tag. Ein Ozean aus Daten, und darin ein winziger Tropfen, ein kleines Programm, nicht einmal ein Megabyte groß.

Es erreichte den ersten Rechner, einen kleinen Server in Watamu, Kenia. Die schlecht gewartete Firewall dieses Rechners hatte mehr Löcher als ein Schweizer Käse, und das Programm tat das, wozu es geschaffen worden war: Es infizierte die Systemdateien und schickte Kopien von sich ins Netz, die ihrerseits Kopien ins Datenmeer sandten, nachdem sie sich in Computersystemen eingenistet hatten.

Der Countdown hatte begonnen.“

Brandhorst, Andreas: Das Erwachen, Thriller, München, Piper Verlag GmbH, 2017

 

 

Ein atemberaubender Blick in eine mögliche Zukunft

 

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, geht es in diesem Buch um Computer, Datensysteme und ein damit verbundenes Virus. Der recht junge, ehemalige Hacker Axel Krohn ist verantwortlich für eine globale Katastrophe. Der Grund: Er setzt ein gefährliches Computervirus bei einem Hackversuch frei. Zunächst dachte er sich dabei nichts, allerdings fielen nach und nach Netze und die Stromversorgung aus. Nicht nur in Hamburg, in welcher Stadt er wohnt, auch nicht nur in Deutschland oder Europa. Die Katastrophe reicht weltweit. Die Regierungen der einzelnen Staaten beschuldigen sich gegenseitig, meinen, einen Cyberkrieg zum Opfer gefallen zu sein. Denn Axel Krohn ist auf nichts Geringeres gestoßen, als auf Pläne für eine Cyberwaffe, die sich Mephisto nennt. Sofort macht die NSA Jagd auf Axel, während sich in Rom ganz andere Dinge abspielen. Viktoria Jorun Dahl, eine Sicherheitsbeauftragte der UN, muss einen Weg finden, um die Katastrophe einzudämmen, wobei ihr ein großer Stein, oder besser gesagt ein stolzer Pfau, in den Weg gelegt wird. Nicht nur sie ist an der Sache dran, auch im warmen Australien erfährt der Agend Coorain Coogan von Mephisto. Da er seine Nase jedoch zu tief in diese Angelegenheit steckt, wird er nach Hamburg geschickt, damit er nicht mehr darüber nachdenken kann. Weit gefehlt, denn erst dort spielt sich die Szenerie erst richtig ab. So wie es scheint, hat Axel eine KI, eine künstliche Intelligenz, freigesetzt, die sich nach und nach in eine intelligente MI, eine Maschinenintelligenz, entwickelt. Diese MI ist nun auf der Suche nach Axel und lockt ihn nach Rom. Durch Coogans Ermittlungen und Dahls Informationen landen bald alle drei Hauptcharaktere in Rom – wo die MI sie haben will. Dort soll über die Zukunft der Menschen entschieden werden. Es heißt, entweder die MI oder die menschliche Zivilisation.

 

 

Der Autor – ein fantastischer Schriftsteller

 

Andreas Brandhorst, geboren im norddeutschen Sielhorst, zählt mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie Das Schiff und Omni zu den erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Mehrfach wurde sein Werk mit den bedeutendsten Preisen des Genres ausgezeichnet. Andreas Brandhorst hat viele Jahre in Italien gelebt und ist inzwischen in seine alte Heimat in Norddeutschland zurückgekehrt. Mittlerweile ist er 61 Jahre alt – und schreibt eine so unglaublich gut gelungene Story.

 

 

Mit jedem Kapitel spannender

 

Das Grundproblem wird natürlich von Axel Krohn entfesselt. Er ist ein einfacher Hacker mit einer harten Vergangenheit: Mutter tot und Vater verschwunden. Axel treibt sich viel im Darknet herum, was ihn anfangs in Schwierigkeiten bringt. Doch der größte Fehler ist es, in einem anderen System herumzuschnüffeln und damit einen Fehler zu begehen, womit er die KI freisetzt. Währenddessen wird Coorain Coogan von seiner Vorsitzenden nach Hamburg zitiert, um sich mit einem gewissen AK47 zu treffen, dem Synonym von Axel Krohn. Sie schickt ihn deshalb fort, da sie nicht will, dass Coogan sich weiter mit dem Thema Mephisto befasst, der Cyberwaffe. Niemand hätte erahnen können, dass Axel Krohn und die Cyberwaffe eine Verbindung miteinander haben. Coogans Vorgesetzte ordert ihn natürlich wieder nach Australien zurück, als sie merkt, dass er in der Mephisto-Sache drin steckt. Doch aufgrund des Strom- und Netzausfalles beschließt Coogan sich dem Befehl zu widersetzen und sich mit seinem Partner aus Hamburg selbst um den Fall zu kümmern.

Auch Viktoria befasst sich ausführlich mit KI und MI, obwohl sich Computertechnisch absolut nicht bewandert ist. Doch sie versteht die Dringlichkeit, dass die MI die Welt übernehmen will, in der danach kein Platz mehr für dumme Menschen sein wird. Die Hauptrolle dabei spielt natürlich Axel, der sich, mehr oder weniger freiwillig, mit seiner neuen Freundin Giselle und seinem Tod geglaubten Vater auf den Weg nach Rom macht. Dabei entdeckt er das ein oder andere Geheimnis über seine Vergangenheit, welche ihn erschüttern. Doch, auch wenn man dies nicht zu glauben vermag, bringt ihn die Maschinenintelligenz wieder auf den richtigen Weg.

Axels Vater ist von allen der schrägste Vogel. Er wirkt durchgeknallt – was sich im Lesefluss stark bemerkbar macht, denn er sieht die Welt so, dass er sie revolutionieren muss – mithilfe der MI und dadurch von Axel. Dabei büßt er sogar relativ leichtfällig das Leben seiner eigenen und fremden Leute ein, was seinen Wahnsinn bloß unterstreicht. Selbst Axels Freundin, Giselle, betont mehrfach, dass Axels Vater einen Schuss in der Birne hat und dass sie ihm nicht traut. Tatsächlich kommen das ein oder andere Mal scharfe Wendungen ins Spiel, mit denen ich seinerseits nicht gerechnet habe.

 

 

700 Seiten mit gehörigem Input

 

Das Buch bietet von der ersten Seite an, sehr viel technischen Input, außerdem benötigt man das ein oder andere Allgemeinwissen, da man sich sonst unter einigen Passagen nichts vorstellen kann. Noch dazu verwendet der Autor sehr oft viele Abkürzungen, MI und KI sind nur wenige. Schon von Beginn an musste ich mir merken, welche Abkürzung welche Bedeutung hat, was mir nur bei wenigen Dingen schwergefallen ist. Meistens ist das aber nicht einmal wichtig, weil der Kontext bedeutender ist, als was die Abkürzung aussagt.

Nicht nur das, auch die Story an sich ist gehöriger Input. Hauptsächlich dreht es sich um die drei bereits beschriebenen Personen: Axel Krohn, Coorain Coogan und Viktoria Jorun Dahl. Jede Figur hat seine eigene kleine Geschichte im Buch, durch die vielen Kapitel muss der Leser sich gut merken, welcher Charakter an welcher Stelle ist. Doch Brandhorst hat dieses Problem relativ gut gelöst. Seine Kapitel teilen sich wunderbar auf, sodass nicht das Gefühl entsteht, man habe einen Protagonisten aus dem Blick verloren. Und am Ende finden die drei sich so oder so zusammen.

Beachtlich finde ich, wie der Autor mit der MI umgeht. Er erschafft einen neuen, kleinen Protagonisten, mit dem der Leser sich schon fast identifizieren kann, obwohl es eine maschinelle Intelligenz ist. Die Gedankengänge der MI, im Buch nennen die Protagonisten sie Goliath, sind so klar und nachvollziehbar, weshalb dem Leser selbst die Handlungen der Menschen idiotisch vorkommen. Gerade in den letzten Kapiteln unterstreicht der Auto, wie sinnlos und egoistisch die Regierung agieren kann und welchen Schaden dies hätte auslösen können.

 

 

Es ist überaus erschreckend und sogleich faszinierend, wie Brandhorst dieses Thema aufgreift. Das erschreckende daran: Wer sagt, dass es uns in ein paar Jahren nicht so geht? Was, wenn sich vor lauter künstlicher Intelligenzen eine MI erhebt, die die Menschheit verbessern will und sich stetig selbst weiter entwickelt? Eigenes Denken einer Maschine könnte zur großen Gefahr für uns werden, sie könnte Menschen töten, wenn sie die potentielle Gefährdung errechnet. Oder sie könnte uns helfen, wird dem Menschen jedoch immer überlegen sein. Eine Welt unter einer menschlichen, fehlerhaften Regierung würde es dann nicht mehr geben. Und diese Vorstellung ist faszinierend. Wird denn irgendwann eine Maschinenintelligenz unser Denken abnehmen und über uns Wachen, damit keine Fehler mehr geschehen?

geschrieben am: 23. Oktober, 2017 um 7:28 pm

Autor:

Jasmin Henniger

Jasmin Henniger